«Ich zeige nie mein ganzes Innenleben»
Alicia Keys, das Postergirl der Soulgemeinde, spricht über die Liebe, schlechte Lehrer und rebellische Grossmütter. Am 14. März tritt sie im Zürcher Hallenstadion auf.
Mit Alicia Keys sprach Ingo Mocek
Egal, was man über Sie hört und liest – immer heisst es, Sie wüssten sich sehr gut selbst zu helfen und liessen sich nichts gefallen. Ist Alicia Keys viel am Image der toughen Musikarbeiterin gelegen?
Zumindest muss ich sagen: Wenn jemand so etwas über mich schreibt, dann freut mich das – ein Fünkchen Wahrheit ist in solchen Beschreibungen ja immer drin. Schliesslich bin ich in Hell’s Kitchen aufgewachsen, ich weiss also wirklich sehr gut, wie man als Frau auf sich aufpasst.
Erzählen Sie uns etwas über den Stadtteil.
Da gibt es gar nicht viel zu erzählen, es ist einfach eine Gegend in New York. Hart wird es dort vor allem, wenn du ohne Vater aufwächst wie ich – mein Vater war ja nie da. Er war Flugbegleiter, und ich hatte nie das beste Verhältnis zu ihm. In der Ecke des Viertels, in der wir wohnten, wimmelte es nur so von Banden, Zuhältern und Verrückten. Dort sagten die Jungs entweder «Yo, shorty!» zu dir – oder du warst eine «Excuse me miss». Das bedeutet: Entweder warst du ein Opfer – oder du wurdest von der gesamten Strasse akzeptiert. Von diesen beiden Alternativen habe ich mich für die Letztere entschieden. Ich habe mir aus diesem Grund unglaublich viel von den Frauen in meiner Familie abgeschaut, mir einen eigenen Auftritt zugelegt, um durchzukommen.
Ist die Hymne «Superwoman» auf Ihrem neuen Album eine Reminiszenz an diese Zeit?
Mit dem Song sind alle Frauen gemeint – egal, ob sie Kinder grossziehen, ihrem Mann den Rücken stärken oder George W. Bush in aller Öffentlichkeit zu einem Zeitpunkt kritisieren, zu dem es ihnen oder ihrer Karriere schaden kann. All diese Frauen tun etwas Bewundernswertes. Auch das habe ich von meiner Mutter Terri mitbekommen: Es ist ein Glück, dass es Frauen auf der Welt gibt, die in sich eine ungemeine Grösse und Stärke verspüren, auch wenn die Welt um sie herum in Scherben liegt. Aretha Franklin, Janis Joplin …
Hillary Clinton …
Barack Obama!
Stammen die Namen, die Sie genannt haben, nicht aus der Generation Ihrer Eltern und Grosseltern?
Da haben Sie Recht. Auch damals gab es verschiedene Fronten im Krieg der Rebellen: Es gab die Hippies, die ich nach wie vor verehre. Und es gab Menschen wie meine Grossmutter, die eine echte Rebellin des Alltags war, einfach weil sie eine sehr gute Geschichtenerzählerin war.
Hat sie allein die Fähigkeit, eine gute Erzählerin zu sein, zur Widerstandskämpferin gemacht?
Sie war vielleicht kein Black Panther, aber sie hat zumindest aktiv versucht, ihr Umfeld positiv zu verändern. Grossmutter hatte immer genug Erspartes, um ins Kino zu gehen. Auf dem Heimweg schwirrte dann eine Traube puerto-ricanischer Kinder um sie herum, die wissen wollten, wie der Film war. Meine Grossmutter hat es ihnen erzählt – und sie hat eine Menge hinzuerfunden, denn sie hat Märchen geliebt. Und am Ende gab es immer eine Art Lehrsatz, eine Moral: Männer, die schlecht zu ihren Frauen waren, sind in Hexenkesseln und Backöfen verbrannt; arme Prinzessinnen verwandelten sich in reiche, und die Jungs, die gut zu ihren Mädchen waren, leben bis heute glücklich und im Himmel. Dabei schaute meine Oma gern sehr schlechte Horrorreisser an, die eigentlich gar keine Moral hatten. Die kleinen Puerto Ricaner werden ganz schön gestaunt haben, als sie das erste Mal in einem richtigen Kino sassen!
Gab es auch andere Vorbilder in Ihrem Umfeld – zum Beispiel in der Schule?
Sind Sie verrückt? In der Schule werden nur Mittelmass und Feigheit trainiert. Wenn ich zu spät zum Unterricht kam, hiess es meistens: «Ah, die Kleine hat wieder Drogen genommen, das haben wir uns schon gedacht!» Dass ich nachts gearbeitet habe, dass ich am Harlem Police Athletic League Community Center Gesangsunterricht nahm, kam meinen Lehrern nicht in den Sinn. Wahrscheinlich waren die allesamt selber auf Drogen! Einmal schlief ich während des Unterrichts ein, und meine Lehrerin bat mich nach der Stunde zu einem Gespräch nach vorne. Dann fragte sie mich mit leiser Stimme, ob ich auf den Strich gehen würde. Das sind eben die ersten Assoziationen, die dumme Menschen haben, wenn sie eine junge Frau sehen, die müde ist und nicht gerade in Reichtum aufwächst. Und diese Leute sollen für unsere Bildung zuständig sein? Nein danke!
Macht es einen hart, wenn man immer auf seinen Auftritt achten muss, wie Sie es nennen?
Klar kenne ich Leute, die hart geworden sind, weil sie das Leben nur als Überlebenskampf sehen. Das ist natürlich ein Fehler. Du musst dir Ausreisser erlauben, sonst mauerst du dich ein.
Was sind das in Ihrem Fall für Ausreisser?
Gerade in Europa bin ich sehr gern allein unterwegs; ich mag die Cafés in Paris, den Geruch von Alkohol und Bier in der Berliner U-Bahn. Das ist doch das Leben, der Alltag, wenn du das nicht mehr spüren kannst, dann ist es um dich doch auch als Künstlerin geschehen.
Das sind Ausreisser für Sie? U-Bahn-Fahren?
Ja. Und sehr viel Blaubeerpfannkuchen! Ich liebe Blaubeerpfannkuchen, und ich mag Menschen, Frauen wie Männer, an denen ein bisschen was dran ist. Ausserdem, hier und da ein kleines Feierabendweinchen, das kann auch sehr hilfreich sein. Denn als Frau hat man es im Musikgeschäft eh schon schwer. Die Hiphop-Typen können zwei Zentner wiegen, ihre Haare sind fettig, und sie haben Pickel ohne Ende – und trotzdem können sie darüber singen, wie viele Nutten sie haben, niemand stellt das in Frage, für sie ist das alles kein Problem. Für Frauen im Hip-hop, R’n'B oder Soul gilt ein ähnliches Prinzip: Solang du dich über Sex verkaufst, läuft alles wie geschmiert, nach dem Motto: «So, Kleines, jetzt sing mal hübsch diesen vorgefertigten Song hier ins Mikrofon, und wenn du heute Abend noch nichts vorhast, dann können wir ja essen gehen.» Schlimm, finden Sie nicht auch?
Ist das der Grund, warum Sie sich als 18-Jährige von Ihrem damaligen Label Columbia Records trennten – obwohl Sie angeblich einen Vertrag über 400′000 Dollar in der Tasche hatten?
Die Summe kann ich nicht bestätigen, aber eins ist doch klar: Brichst du aus Stereotypen aus, interessierst du dich mehr für Beethoven als für diese Modelinie, die dir irgendein Geschäftstyp aufschwatzen möchte, haben eine Menge Menschen im Musikgeschäft ein Problem mit dir.
Spielen Sie nicht auch mit diesen Stereotypen?
Ja, um zu sagen: Hey, schaut her, ich sehe vielleicht nicht aus wie eine Kampflesbe und habe auch keinen Truck vor der Konzerthalle geparkt – aber ich kann trotzdem Songs über starke Frauen schreiben!
«Authentizität» ist auch ein Stereotyp. Ihre Songs gelten als besonders «echt», als mit Schweiss, Blut und Tränen erkämpft. Einen spielerischen Umgang mit Rollen, wie ihn etwa die frühe Madonna pflegte, kennen Sie nicht.
Also hören Sie mal! Sie können mir nun wirklich nicht vorwerfen, dass ich nicht Madonna bin – das wäre so, als würden Sie zu Eminem sagen: «Du bist zwar ganz gut – aber ernst nehmen können wir dich nur, wenn du das Philharmonische Orchester von Los Angeles dirigierst!» Im Soul geht es eben um Echtheit. Aber es gibt sie auch, die Distanz zwischen mir und dem, was ich singe. Ich zeige einem Publikum nie mein ganzes Innenleben; so, wie in einer guten Liebesbeziehung eine Frau sich auch nie voll und ganz ihrem Mann offenbaren sollte.
Ist es mittlerweile nicht auch ein Stereotyp, gegen George W. Bush zu sein?
Diese Meinung teile ich nicht. Ich habe schon 9/11 nicht an der Seite der Regierung gestanden. Und ich sehe keinen Anlass, meine Meinung zu ändern.
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